Mohammed: Weder Herrscher noch Staatsgründer!

Diese zentrale Botschaft könnte am Ende der Ausführungen des Islamwissenschaftlers Luay Radhan stehen. Entgegen der Eindrücke, die Aktivisten und Terroristen im Namen eines politischen Islams verbreiten, gibt es keinen grundsätzlichen Herrschaftsanspruch im Islam. Argumente hierfür finden sich im Koran, der Geschichte des Propheten, der Geschichte der Mulime und schließlich auch in der Vernunft und Logik des Islam selbst.

Eine laizistische Lesart des Islam bedeutet für Luay Radhan eine Bekräftigung der individuellen Religion und einer religiösen Gemeinschaft, jedoch keines politischen Programmes und die Trennung von Staat und Religion. Radikale Deutungen, der Missbrauch der Religion durch die Politik und ein fehlendes Freiheitsverständnis sind abzulehnen.

Grundlegung im Koran

Schon im Koran findet sich der Begriff „Staat“ kein einziges Mal, dafür aber 49 Verweise auf die islamische Gemeinschaft.

(Sure 4 : Vers 59)

„O ihr Gläubigen! Gehorcht Gott, dem

Gesandten und den Verantwortlichen unter

euch! […].

Mit dem Koran wird auf eine Gottesherrschaft verwiesen, die nicht zwingend einen islamischen Staat zum Gebot hat, sondern an die Gemeinschaft der Gläubigen und alle Menschen gerichtet ist. Denker wie Ali Abdarraziq (1888-1966) weisen zudem darauf hin, dass der Koran nichts über ein mögliches Regierungssystem preisgibt und Mohammed nicht als Herrscher vorgesehen wurde.

(6 :107)

„Wenn Gott wollte, hätte er sie dazu

gezwungen, die Vielgötterei aufzugeben, aber sie

sollen selbst entscheiden. Dich haben Wir nicht

zum Hüter bestimmt, der über ihre Taten wacht.

Du bist auch nicht ihr Wächter.“

Mohammeds Rolle ist für Gama al-Banna (1920-2013) deshalb die eines Richters, eines Propheten, der vor allem Recht sprechen, aber nicht Regieren soll. Ein Staat und vor allem ein islamischer Staat würde den Zwang zur Religion bedeuten, der diese selbst abwertet. Dabei verkündet der Koran gerade eine Freiheit zur Religion, die keinen politischen Zwang begründet.

(2:256) „Es gibt keinen Zwang in der Religion.“

(10:99) „Und hätte dein Herr es gewollt,

so hätten alle […] geglaubt. Willst du

also die Menschen dazu zwingen,

Gläubige zu werden?“

Mohammeds Biografie

Für Turki al-Hamad (*1952) liefert schon die Zeit Mohammeds in Medina keine Anzeichen eines politischen Zwangssystems. Im Zweifel wurde immer für den Angeklagten entschieden und Körperstrafen, die es zwar gab, waren immer die Ultima Ratio und keinesfalls alltägliche Erscheinungen. Mohammed selbst installierte weder eine Polizei, noch eine Armee oder errichtete Gefängnisse, wie Gama al-Banna bemerkt. Er lebte wohl sogar selbst in einer Moschee ohne Türen und nicht wie ein Fürst oder Stammesführer, der sich abschotten und hinter einem Sicherheitsapparat verstecken wollte.

Gemäß Ali Abdarraziq bleibt es fraglich, warum Mohammed selbst keinen Nachfolger ernannt, nie einen islamischen Staat erwähnt oder ein System der Ernennung von Richtern etabliert hat. Für ihn ist Mohammed ein Gesandter und gerade kein Staatsgründer oder Herrscher. Er selbst soll gerade die Menschen rechtgeleitet haben ihre Angelegenheiten in die eigene Hand zu nehmen und nicht als absoluter Führer aufgetreten sein. Weiterlesen

Laizismus und Islam: Islamische Gründe gegen die Idee des „islamischen Staats“

Mittwoch, 19.11.2014, 20:00 Uhr – 22:00 Uhr. Ort: Neue Uni. HS 01
Vortrag und Diskussion mit Luay Radhan, Islamwissenschaftler

In Kooperation mit der Juso–Hochschulgruppe beschäftigen wir uns  im November mit Fragestellungen rund um den politischen Islam. Islamwissenschaftler wie Luay Radhan setzen sich mit islamischen Strömungen auseinander, die gerade keine Theokratie, kein Kalifat oder einen „islamischen Staat“ anstreben. Mittels Vortrag und Diskussion möchten wir auf die Vielfalt von Positionen innerhalb des islamischen Diskurses hinweisen. Diese schließt sehr wohl säkulare und laizistische Positionen mit ein.

Es gibt sehr wohl auch MuslimInnen, die aus islamischen (und anderen) Gründen ausgesprochene GegenerInnen der Idee des sogenannten „islamischen Staats“ sind. Denker wie die Ägypter Nasr Abu Zayd (1943-2010), Farag Fodah (1945-92) und Gamal al-Banna (1920-2013) haben Jahrzehnte lang gegen den Missbrauch des Islams gekämpft. Der Islam wird, genauso wie andere Weltanschauungen, ständig als Quelle der Moral, an die viele Menschen glauben, zur Herrschaftslegitimation missbraucht. (Luay Radhan)

Religionswissenschaft für alle (Säkularen) und zum Anfassen!?

Laizistische Eindrücke eines etwas anderen Ausstellungsbesuches

Eine kulturwissenschaftliche Religionswissenschaft beschäftigt sich ohne theologische Vorbehalte mit Religionen. Wie können jedoch religionswissenschaftliche Theorien und Methoden dargestellt werden? Die Ausstellung „Religion in Ex-Position“ macht es möglich. Mittels einem geringem Budget und weitestgehend selbstgebastelten Exponaten wird der Blick auf die Vielfalt einer Multiperspektivität gelenkt, die Religion als kulturelle Erscheinung sichtbar werden lässt. Brillen an Fäden stellen die absolute Objektivität einer religionsbezogenen Forschung in Frage und Religionsdefinitionen der Philosophie, Literatur oder Zeitgeschichte lassen sich wie aus einer Lostrommel ziehen. Schnell wird deutlich, dass Kontexte religiöser Gegenstände ebenso entscheidend sind, wie die Interpretation religiöser Aussagen.Religion in Exposition2

Bei einer Installation können die Besucherinnen und Besucher mittels magnetischen Bildern selbst bestimmen, was sie als „heilig“ und „profan“ erachten. Ist es ein Stein, oder ein keltischer Kultgegenstand? Sind die Buntglasfenster das Machwerk eines säkularen Künstlers, oder als Kirchenfenster auch von religiöser Bedeutung? Der Kontext bestimmt eben oft, was traditionellen Religionen oder neuen Formen der Verehrung wie Anbetung zugerechnet wird.

Wer nicht glaubt, dass evangelikale Christen mittels Trickfilmen für ihre Religion werben möchten, dass der „Herr der Ringe“ Elemente einer Erlösungsreligion aufgreift und Raumschiffe als Tore zu den Sternen transzendent gedeutet werden können, wird eines hier eines Besseren belehrt.

Religion ist, was wir daraus machen? Mitnichten, denn die zahlreichen Antworten von Besucherinnen und Besuchern auf die Abbildung eines Engels und ein Bild mit dem Schriftzug „Kirche“ lassen deutlich werden, dass religiöse oder weltliche Vorstellungen immer auf kulturelle Überlieferungen zurückgreifen. Während die einen von geflügelten Wesen sprechen und solche Darstellungen als veraltet ansehen, sprechen andere von einem Schutzengel oder gütigen Helfern. Die „Kirche“ wiederum ist Gemeinschaft, Institution, Weltfremdheit und Machtapparat gleichermaßen.

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Stellungnahme zum Beschluss der Jusos BaWü: Laizismus verwirklichen!

Der AK Laizist*innen in der SPD Heidelberg begrüßt den Beschluss der Juso-LDK 2014 zur Trennung von Kirche und Staat. Wir sehen in ihm einen ersten Schritt, um eine zukunftsfähige Religionspolitik jenseits von Privilegierung und Lobbypolitik zu ermöglichen.
„Mehr Laizität wagen“, bedeutet für uns nun auf der Grundlage dieses Beschlusses für eine Umsetzung laizistischer Ziele in den anderen Parteigliederungen und auf den anderen Parteiebenen Sorge zu tragen.
1. Ein vermeintlicher Gegensatz zwischen einer vielfältiger gewordenen religiösen Landschaft, die auch freiere Formen und spirituelle Ansätze berücksichtigt, und Religionsgemeinschaften besteht aus unserer Sicht nicht. Ein „trotz dieser Entwicklungen“ ist für uns ein „gerade durch diese Entwicklungen“, denn Religionen und Weltanschauungen gewinnen durch diese Pluralisierung an Bedeutung.
2.       Es muss eine neue Debatte über das Verhältnis von öffentlich/privat geben, denn nicht jede Öffentlichkeit ist zugleich eine staatliche oder politische. Dies betrifft gerade das Tragen von religiös-weltanschaulichen Symbolen. Grenzbereiche von individueller Religionsfreiheit und staatlich-politische Sphären sind voneinander zu unterscheiden. 
3.       Wir fordern einen kulturwissenschaftlichen Religionskunde- und Ethikunterricht als staatliches Bildungsangebot für alle. Freiwilliger und ergänzender Religionsunterricht kann und darf gerne privat erfolgen.
5.       Wir begrüßen im besonderen die Punkte vier bis neun, welche finanziellen Pivilegien, dem „dritten Weg“ hinsichtlich des kirchlichen Arbeitsrechtes, religiösen Monopolstellungen und einer Einschränkung individueller Freiheitsrechte an Feiertagen eine klare Absage erteilen. 
6.       Die SPD hat als soziale Volkspartei religiös wie weltanschaulich „neutral“ zu bleiben, damit sie ihren Zielen verpflichtet bleibt. Ob religiöse Gruppen und Gemeinschaften „starke Partner“ sind, muss sich immer anhand aktueller Positionen und Fragestellungen bewähren. Es darf weder einen religionslobbyistischen noch einen antireligösen Reflex innerhalb der SPD geben.
7.       Die Anerkennung eines laizistischen Arbeitskreises in der SPD, der sich einer säkularen, multireligiösen und pluralen Gesellschaft gegenüber verpflichtet fühlt, würde diese politische Beschlusslage auch organisatorisch befördern.
Wir unterstützen die Beschlusslage der Jusos und stehen gerne weiterhin als Vermittler und Ansprechpartner*innen zur Vefügung, damit diese Programmatik zur Grundlage einer aktiven wie kritischen Religions- und Weltanschauungspolitik der SPD werden kann. 
„Die Zukunft ist offen!“ (Hamburger Programm)

 

Die Gefahr des politischen Islam – Vortrag mit Lale Akgün

Freitag, 12. September 2014, 20 Uhr , DAI Heidelberg

In Kooperation mit den Säkularen Humanisten freut sich der AK der Heidelberger Laizist*innen auf einen weiteren Programmpunkt zur islamischen Religionskultur. Damit knüpfen wir an den Diskussionsabend zu „Islam – made in Germany“ an und möchten die Fragestellung vertiefen, ob eine Lobbypolitik zugunsten bestimmter islamischer Verbände und Strömungen zukunftsweisend ist?140912_Akguen

Podiumsdiskussion: Islam made in Germany

Grundsätzlich gilt es zwischen dem Islam als Religion, der jeweiligen Herkunftskultur und einer politischen wie sozialen Identität zu unterscheiden.

Oft wird der Eindruck vermittelt, dass in Deutschland zirka vier Millionen Muslime leben, die aus unterschiedlichen Ländern stammen. Umgekehrt ergibt sich jedoch die Tatsache, dass in Deutschland viele Menschen aus Ländern des Balkan, der Türkei, Tunesien, Marokko, den arabischen Staaten, Indoesien etc. leben, von denen viele Muslime sind. Unterschlagen wird durch diese Gleichsetzung von Religion und Herkunft, dass nicht alle eine religiöse Praxis und Bindung zu ihrer heimatlichen Religionskultur pflegen.

Es ist gut, dass Lale Akgün den politischen Islam betont, der von aggressiver Lobbyarbeit bis hin zu politischem Islamismus reichen kann und vor allem den Interessen bestimmter Organisationen und Verbände geschuldet ist.

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Stellungnahme zum Antrag der Jusos Neckar Odenwald: Staat und Religion trennen!

Der Heidelberger AK der Laizist*innen in der SPD begrüßt und unterstützt den Antrag des Juso-KV Neckar-Odenwald. In ihm werden die wichtigsten Punkte und Forderungen vertreten, die für eine laizistische Politik im Sinne von Religions- wie Weltanschauungsfreiheit sowie der Gleichbehandlung der Überzeugungen eine Rolle spielen.

Für uns ist es wichtig zu betonen, dass die Pluralität hinsichtlich der Religionen und auch der christlichen Überzeugungen zugenommen hat und eine einseitige Politik zugunsten bestimmter Religionsgesellschaften keine zukunftsgewandte Politik darstellt. Faire Bedingungen in Sachen Anerkennung, Beteiligung am politischen Geschehen, dem Arbeitsrecht sowie ein neutraler Ethik- und Religionskundeunterricht, sind für uns wichtige Wegmarker in die säkulare, multireligiöse und plurale Gesellschaft.

Wir stimmen zwar der Begründung hinsichtlich der „ideengeschichtlichen Verwirrung“ in der Sozialdemokratie nicht völlig zu, aber halten die Forderungen für eine Möglichkeit wieder an ideologiekritische Momente der sozialdemokratischen Geschichte
anzuknüpfen. Wir lehnen eine dezidiert antireligiöse Haltung ebenso ab, wie eine naiv religionsbezogene, unkritische Politik.

Wir freuen uns, wenn sich weitere Juso-KVs dem Antrag anschließen und eine breite Debatte entsteht, die deutlich macht, dass Religions- und Weltanschauungspolitik nicht alleine den Lobbyisten der betroffenen Religionsgesellschaften überlassen werden darf. Deshalb rufen wir alle Jusos dazu auf, den Antrag zu debattieren und zur Abstimmung zu bringen, damit sich die LDK entsprechend damit befassen kann.

Staat und Religion trennen- Laizismus Antrag

Religionswissenschaft – Bildung zur Freiheit!?

Am Montag den 22. April haben wir uns im Rahmen der Reihe „Religion und Bildung“ mit dem Religionswissenschaftler Dr. Sebastian Emling getroffen und über bildungspolitische Ansätze gesprochen. Er machte deutlich, dass eine kulturwissenschaftliche Religionswissenschaft als Bezugsfach für einen kulturellen Unterricht über Religionen und Weltanschauungen wichtige Impulse setzen kann.

Das gegenüber der Theologie noch recht junge Fach blickt immerhin, ähnlich wie die akademische Psychologie, schon auf eine gut 140-jährige Geschichte zurück. Sie ist innerhalb der Kolonialgeschichte des 19. Jahrhunderts entstanden und hat als komparatistische und philologische Religionsforschung mit christozentrischen Kategorisierungen um vergleichbare Phänomene in den Religionen der Völker ihren Anfang genommen. Begriffe wie „Engel und Dämonen“ sowie Göttervorstellungen sind
Beispiele solcher Kategorien abendländischer Religonsgeschichte.

Seit über zwanzig Jahren und dem „cultural turn“ in den Wissenschaften ist sie sich jedoch ihrer eigenen Disziplingeschichte bewusster geworden und hat ihren Charakter als weltanschaulich neutrales und selbstkritisches Fach weiterentwickelt.

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Der von Emling als „Größenwahn“ bezeichnete und doch realisierbar eingestufte Anspruch ist es alle Traditionen und Symbolsysteme auf religiöse Konstellationen hin untersuchen zu können.

Für laizistische Politik erscheint hierbei das Reflexionsvermögen über Religion jenseits von konfessionellen Konzepten interessant. Die Religionswissenschaft kann einen wichtigen Beitrag leisten, wenn Religionen zwar als Identitätsbildend betrachtet werden können, jedoch nicht immer identitätsbezogen sein müssen. Dem Vorwurf einer vermeintlichen Gegenstandslosigkeit sowie einem „moralischen Relativismus“ eines religionswissenschaftlichen Religionsunterrichts begegnet Emling mit der Befähigung zu analytischen, beschreibenden und kontextbezogenen Denken. Als ein die Umwelt und das Umfeld betrachtendes Arsenal von Beschreibungskategorien bildet Kulturwissenschaft somit ein Instrumentarium heraus, das die gedankliche und wahrnehmende Beobachterposition stärkt.

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