Nachlese: Wir sind Charlie?

Am Dienstag, 10. Februar 2015, hat sich eine bunte Truppe aus Christen, Laizisten, Humanisten, Muslimen, Orthodoxen, Agnostikern und Mitglieder verschiedener Parteien, darunter der stellvertretende Bundesvorsitzende der PARTEI (verbunden mit dem Satire-Magazin „Titanic“) getroffen, um über das Verhältnis von Religion und Satire zu diskutieren. Mehr als 40 Interessierte waren ins Deutsch-Amerikanische Institut Heidelberg gekommen. Die Redaktionssitzung der etwas anderen Art wurde von Marc Mudrak moderiert, der verschiedene Karikaturen zur Abstimmung und Analyse vorstellte. Dürften diese in einem fiktiven Magazin gedruckt werden?

Dabei reichte die Auswahl der Karikaturen von Bildern, die Religionen im Allgemeinen als „prähistorische“ Fundstücke auswiesen, über den „Fanta-Papst“ der „Titanic“ bis hin zu den umstrittenen Mohammed-Karikaturen des Jylland-Posten und von Charlie Hebdo. Entscheidungen über die Druckfreigabe waren in der Regel mehrheitsfähig, mitunter wurden sogar eher Langeweile und fehlende Aussagekraft der Karikaturen beanstandet. Das selbstgesteckte Ziel, dass möglichst alle von einer Karikatur beleidigt nachhause gehen sollten, wurde nicht erreicht. Vielmehr zeigt der Meinungsaustausch, wie schwer es offenbar ist, religiöse Gefühle zu verletzen, wenn Kritik gehört werden darf und in einer Gruppe auch abweichende oder sogar Einzelmeinungen respektiert werden.

P1030722Die Aussage von Humanisten, dass zwischen Einzelpersonen und dem religiösen System oder der religiösen Idee unterschieden werden müsse, teilten nicht alle Anwesenden. Dass Menschen Respekt verdienen und Ideen nicht, wurde zumindest dann in Frage gestellt, wenn es um die gegenseitige Anerkennung ging. Beiträge von Christen betonten vor allem die mögliche Verletzlichkeit und die Forderung, dass gegenseitige Rücksichtnahme vonnöten sei.

Die Karikatur als Mittel der Kritik an Macht und gesellschaftlichen Verhältnissen wurde von dem Typ der politisierenden Schmähschrift unterschieden, die vor allem einzelne Personen und Gruppen angreife. Dabei sei Religion in diesem Sinne immer politisch, weil sie als System und Organisation politische und soziale Macht ausdrücke, während die Überzeugung des Einzelnen immer zu achten sei.

Deshalb verstand es auch ein Humanist angesichts des „Fanta-Papstes“ als Schmähung, dass die Person des Papstes angegriffen wurde. Andere wiederum sahen gerade darin eine Kritik an der Organisation der Kirche, ihrer Hierarchie und Bürokratie. Was beim amerikanischen Präsidenten erlaubt sei, dürfe bei religiösen Oberhäuptern nicht verboten werden.

Eine Karikatur „Kirche heute“ der „Titanic“, die einen Priester in eindeutig zweideutiger Pose vor einem gekreuzigten Jesus zeigte, sorgte für Kontroversen. Während einige humanistische und agnostische Teilnehmer diese sexuelle Anspielung auf die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche eher langweilig fanden, sahen andere darin eine Form der Offenlegung der Doppelmoral kirchlicher Institution. Der Vertreter der PARTEI betonte, dass die Darstellung die Opfer sogar schütze, da sie diese nicht abbilde.

Eine Karikatur über Atheisten und Agnostiker zeige eine auf Bahngleisen liegende Person, die von Christen vor dem herannahenden Zug gewarnt wird. Der menschliche Irrtum im Allgemeinen wurde ebenso als Deutung herangezogen, wie die Feststellung, dass Atheisten oft nur einen Glauben in anderer Form hätten. Dem wurde zumindest von anwesenden Atheisten wiedersprochen.

Der Prophet Mohammed auf der Couch, der sich in einer therapeutischen Sitzung über den mangelnden Humor seiner Anhängern beklagt, fand hingegen großen Anklang. Die 2010 im Zuge von Mordrohungen gegen amerikanische Comiczeichner entstandene Karikatur zeugte in den Augen vieler Diskutanten von Witz und einer klaren Stellungnahme gegen Fundamentalisten und Radikale, ohne die Religion an sich zu kritisieren.

Der weinenden Mohammed von 2006, der das Titelbild von Charlie Hebdo zierte, wurde hingegen als eher in Frankreich wirksame Karikatur angesehen. Mohammed beklagt sich auf dem Bild über sein hartes Schicksal, das darin bestehe, von Idioten geliebt zu werden. In der Debatte wurde herausgearbeitet, dass Satire immer auf den jeweiligen gesellschaftspolitischen Kontext zu beziehen ist und gerade hieraus ihren Biss erhält.

Die letzte Karikatur war die berühmte Karikatur von Kurt Westergaard aus dem Jylland-Posten, die den Propheten Mohammed mit einer Bombe auf dem Kopf zeigt. Diese 2005 veröffentlichte Karikatur wurde fast ein Jahr später gezielt von radikalen Predigern in mehrheitlich muslimischen Ländern verwendet, um Unruhen zu stiften und den Westen an den Pranger zu stellen. Gerade die Zeitverzögerung macht jedoch deutlich, wie Karikaturen, wenn sie aus ihrem Kontext gerissen und neu gezeigt werden, ihre satirische Bedeutung verlieren und ernster werden, als es mögliche Zeichner eigentlich beabsichtigt haben.

Letzten Endes konnte an dem debattenfreudigen Abend nicht geklärt werden, welche Grenzen Satire einzuhalten hat oder wo ihre Machtkritik, gerade auch an religiösen Institutionen und Autoritäten, aufhört. Ist es immer so einfach, die Idee oder die Religion als Machtfaktor zu kritisieren, ohne die indiviuelle Religion zumindest in Frage zu stellen? Darf Satire alles und wenn ja, übernimmt jemand die Verantwortung für mögliche Folgen, wenn die Karikatur anders gesehen wird – und nicht als Satire?

Bei der fiktiven Redaktionskonferenz wurde kein einziges Druckverbot erteilt. Kritik bezog sich v. a. auf die Qualität der Satire. Selbst knappe Mehrheiten wurden noch durch Enthaltungen ergänzt. Nur die letzte Karikatur des Jylland-Posten war für einige zu viel des Guten.

Die Diskussionsatmosphäre und die Möglichkeit, dass sich Atheisten, Christen, Agnostiker, Humanisten, Muslime, Theologen, Islamwissenschaftler und Politiker austauschen und gegenseitig zuhören, sind der bleibende Gewinn des Abends. Auch wenn Religionen immer politisch zu sein scheinen, kommt es auf die Menschen an, die gegenseitigen Meinungen respektieren und Argumente wie auch Gefühle abzuwägen.

Das Gute, dieser Satz steht fest, ist nicht immer die Satire, die man lässt. (Frei nach Wilhelm Busch).

Text: Adrian Gillmann

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