Wir sind Charlie? Wie viel Satire verträgt Religion, wie viel Religion Satire?

Dienstag 10 Februar, 2015, 20 Uhr, DAI Heidelberg, Bibliothek

Gespräch und Bildanalyse

Der grauenvolle Terroranschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“  in Frankreich und  die Erignisse in dessen Umfeld haben die Diskussion um das Verhältnis von Religion und Satire neu entfacht. Viele Medien und Menschen solidarisierten sich weltweit mit der Redaktion des Satiremagazins. Oftmals erschien es, als ginge es dabei in erster Linie um die Meinungsfreiheit und weniger das Einverständnis oder gar die Auseinandersetzung mit den Inhalten der umstrittenen Zeitschrift. Diese hatte sich im Besonderen durch die Karikaturen von Religionen und ihrer laizistischen bis atheistischen Grundhaltung vervorgetan.

Gleich ob die Attentäter von Paris einen religiösen Hintergrund hatten oder nicht, das Satiremagazin selbst hatte sich schon seit Jahren zahlreiche Klagen und Kritik von Seiten religiöser Vertreter gefallen lassen müssen. Im Jahr 2011, kurz vor der Veröffentlichung einer islamkritischen Sonderausgabe im Zuge des Wahlsieges der Ehnada-Partei in Tunesien, erfolgten ein Hackerangriff auf die Webseite und ein Brandanschlag auf die Redaktionsräume von „Charlie Hebdo“.

Charlie im Visier

Während neue Diskussionen um den Paragrafen 166 und die Umstände der Beleidigung von Religion in juristischen und politischen Kreisen kursieren, bleibt die ästhetische und inhaltliche Diskussion oft auf der Strecke. Warum und zu welchem Zweck gibt es Satire? Wie weit darf sie gehen und steht ein Bekenntnis zu ihr in einem klaren Zusammenhang zur Presse- und Meinungsfreiheit? „Charlie Hebdo“ hatte offenbar besonders durch die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen religiöse Gefühle verletzt. Allerdings betraf dies nicht alle Muslime gleichermaßen und die TAZ berichtete sogar ausdrücklich, dass sich muslimische Verbände in Deutschland eher gelassen gaben.

Deutsche Muslime halten aus

Ist Satire damit Ansichtssache? Im Falle der Mohammed-Karikaturen oder des Fanta-Papstes der deutschen TITANIC hatten Satiriker eindeutig Symbolfiguren und –Personen der jeweiligen Religionsgemeinschaft aufs Korn genommen. Die religiöse Autorität wurde gezielt in Frage gestellt und die Grenze des guten Geschmacks bewusst überschritten. Man muss nicht gleich die Satire zum Menschenrecht erheben, wie es Tim Wolff es tut, aber mit Heiligem und Entsetzen Scherz zu treiben hat auch eine emanzipatorische Funktion. Dabei ist natürlich nicht alles Satire, nur weil diese alles darf. Die Beurteilung jedoch nur Juristen zu überlassen, erscheint schon als Realsatire.

Satire ist ein Menschenrecht, ein Grundrecht, und alle Menschen haben ein Recht darauf, verarscht zu werden.Tim Wolff, Titanic

Tim Wolff

Satire darf alles

Selbstverständlich gibt es religiöse Gefühle und die Verletzung derselben, aber es muss sich gefragt werden, ob im Medium des gezeichneten und klar als Satire ausgewiesenen Bildes nicht jeder religiöse Ernst ad absurdum geführt wird. Lässt sich ein Scherz nicht auch als Befreiung verstehen? Eine Befreiung, die gerade nicht darauf pocht die Religion selbst, sondern gerade das Verständnis von ihr und die allzu exklusive Lesart selbst einer spöttischen Distanz auszusetzen. Hier bleibt zudem die Wahlfreiheit, ob Jemand sich diese Bilder und Texte antut, oder nicht. Satire über Religionen zwingt sich gerade nicht auf, sie verbleibt als Möglichkeit.

Gerade diese Möglichkeit überschreitet natürlich Grenzen. Vielleicht sind die religiösen Gefühle weniger individueller als kollektiver Art, wenn sich Gemeinschaften in Gänze hierdurch als beleidigt empfinden. Wo jedoch verlaufen die Grenzen gerechtfertigter Kritik und wo darf Satire sich auch zurückhalten? Genauer: Wie viel Satire verträgt Religion und wie viel Religion Satire?

Wir möchten diesen Fragen am 10. Februar  nachgehen und gemeinsam mit Menschen aus der Kunstgeschichte sowie verschiedenen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ausgesuchte Karikaturen analysieren. Dabei gilt es verschiedene Interpretationen zuzulassen und einmal dem nachzuspüren, was Satire bildlich ausdrückt und wie es sich um religiöse wie weltanschauliche Gefühle verhält.

 

 

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