Religionswissenschaft für alle (Säkularen) und zum Anfassen!?

Laizistische Eindrücke eines etwas anderen Ausstellungsbesuches

Eine kulturwissenschaftliche Religionswissenschaft beschäftigt sich ohne theologische Vorbehalte mit Religionen. Wie können jedoch religionswissenschaftliche Theorien und Methoden dargestellt werden? Die Ausstellung „Religion in Ex-Position“ macht es möglich. Mittels einem geringem Budget und weitestgehend selbstgebastelten Exponaten wird der Blick auf die Vielfalt einer Multiperspektivität gelenkt, die Religion als kulturelle Erscheinung sichtbar werden lässt. Brillen an Fäden stellen die absolute Objektivität einer religionsbezogenen Forschung in Frage und Religionsdefinitionen der Philosophie, Literatur oder Zeitgeschichte lassen sich wie aus einer Lostrommel ziehen. Schnell wird deutlich, dass Kontexte religiöser Gegenstände ebenso entscheidend sind, wie die Interpretation religiöser Aussagen.Religion in Exposition2

Bei einer Installation können die Besucherinnen und Besucher mittels magnetischen Bildern selbst bestimmen, was sie als „heilig“ und „profan“ erachten. Ist es ein Stein, oder ein keltischer Kultgegenstand? Sind die Buntglasfenster das Machwerk eines säkularen Künstlers, oder als Kirchenfenster auch von religiöser Bedeutung? Der Kontext bestimmt eben oft, was traditionellen Religionen oder neuen Formen der Verehrung wie Anbetung zugerechnet wird.

Wer nicht glaubt, dass evangelikale Christen mittels Trickfilmen für ihre Religion werben möchten, dass der „Herr der Ringe“ Elemente einer Erlösungsreligion aufgreift und Raumschiffe als Tore zu den Sternen transzendent gedeutet werden können, wird eines hier eines Besseren belehrt.

Religion ist, was wir daraus machen? Mitnichten, denn die zahlreichen Antworten von Besucherinnen und Besuchern auf die Abbildung eines Engels und ein Bild mit dem Schriftzug „Kirche“ lassen deutlich werden, dass religiöse oder weltliche Vorstellungen immer auf kulturelle Überlieferungen zurückgreifen. Während die einen von geflügelten Wesen sprechen und solche Darstellungen als veraltet ansehen, sprechen andere von einem Schutzengel oder gütigen Helfern. Die „Kirche“ wiederum ist Gemeinschaft, Institution, Weltfremdheit und Machtapparat gleichermaßen.

Was hat „Religion in Ex-Position“ mit säkularen oder politischen Themen zu tun?

DiReligion in Exposition1e kleine aber feine Zusammenstellung von Begriffen aus der Forschungspraxis, Zitaten und Religionsdefinitionen sowie Möglichkeiten sich Gedanken über Religion zu machen, holt die Religionen vom „Himmel“ zurück auf die „Erde“. Kulturwissenschaftliche Religionswissenschaft behauptet hierdurch einen säkularen Charakter, der auf multireligiöse und plurale Konstellationen verweist. Ja, religiöse Bedeutungen und Symbole sind mehrdeutig, auch wenn sie aus einer vermeintlich christlichen oder buddhistischen Religion stammen. Ja, „heilige“ oder „profane“ Gegenstände sind dies meist durch Zuschreibungen von religiösen Einzelnen oder Religionsgemeinschaften. Ja, selbst fiktionale Gegenstände oder Medien können religiös gedeutet oder verstanden werden.

Bildstrecke der Ausstellung im Mannheimer Morgen

Politisch gesehen bedeuten die religionswissenschaftlichen Perspektiven somit einen Befreiungsschlag von einseitigen, religionsaffinen Vorverständnissen. Ein vermeintlich wertebezogener Religionsabsolutismus löst sich in diskursive Verhältnisse auf, die stark von individuellen Einstellungen zum eigenen Leben geprägt sind. Dabei kann gebetet werden, ohne sich als stark religiös zu verstehen, oder das Engagement auf dem Mittelaltermarkt zur Verehrung eines nordischen Donnergottes führen.

Eine Religionswissenschaft, die so viel Differenz und Distanz zu religiösen Urteilen herstellen und diese als kulturelles Handeln ausweisen möchte, kann Argumente für eine wertneutrale und kritische Haltung liefern. Demokratische Züge hat „Religion in Ex-Position“ auf jeden Fall, denn die Besucher*inenn und Besucher gestalten die Ausstellung mit und bringen ihre Ansichten mit ein.

Die Dozierenden und Studierenden der Religionswissenschaft haben nicht nur eine praktische Übung und einen Einblick in die kuratorische Arbeit absolviert, sondern ebenso Werbung für eine Wissenschaft gemacht, die neutrale Zugänge zum Gegenstandsbereich der Religionen ermöglicht.

Laizistische und säkulare Kreise sind gut beraten, wenn diese kulturfaktischen Theorien und Methoden zu einer richtigen Bezugswissenschaft werden. Es genügt auf die Ergebnisse zu schauen, die mehr sind als nur Zeugnisse der sozialen Bedingungen religiöser Bedeutungsgewinnung.

 

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