Religionswissenschaft – Bildung zur Freiheit!?

Am Montag den 22. April haben wir uns im Rahmen der Reihe „Religion und Bildung“ mit dem Religionswissenschaftler Dr. Sebastian Emling getroffen und über bildungspolitische Ansätze gesprochen. Er machte deutlich, dass eine kulturwissenschaftliche Religionswissenschaft als Bezugsfach für einen kulturellen Unterricht über Religionen und Weltanschauungen wichtige Impulse setzen kann.

Das gegenüber der Theologie noch recht junge Fach blickt immerhin, ähnlich wie die akademische Psychologie, schon auf eine gut 140-jährige Geschichte zurück. Sie ist innerhalb der Kolonialgeschichte des 19. Jahrhunderts entstanden und hat als komparatistische und philologische Religionsforschung mit christozentrischen Kategorisierungen um vergleichbare Phänomene in den Religionen der Völker ihren Anfang genommen. Begriffe wie „Engel und Dämonen“ sowie Göttervorstellungen sind
Beispiele solcher Kategorien abendländischer Religonsgeschichte.

Seit über zwanzig Jahren und dem „cultural turn“ in den Wissenschaften ist sie sich jedoch ihrer eigenen Disziplingeschichte bewusster geworden und hat ihren Charakter als weltanschaulich neutrales und selbstkritisches Fach weiterentwickelt.

20130422_212051

Der von Emling als „Größenwahn“ bezeichnete und doch realisierbar eingestufte Anspruch ist es alle Traditionen und Symbolsysteme auf religiöse Konstellationen hin untersuchen zu können.

Für laizistische Politik erscheint hierbei das Reflexionsvermögen über Religion jenseits von konfessionellen Konzepten interessant. Die Religionswissenschaft kann einen wichtigen Beitrag leisten, wenn Religionen zwar als Identitätsbildend betrachtet werden können, jedoch nicht immer identitätsbezogen sein müssen. Dem Vorwurf einer vermeintlichen Gegenstandslosigkeit sowie einem „moralischen Relativismus“ eines religionswissenschaftlichen Religionsunterrichts begegnet Emling mit der Befähigung zu analytischen, beschreibenden und kontextbezogenen Denken. Als ein die Umwelt und das Umfeld betrachtendes Arsenal von Beschreibungskategorien bildet Kulturwissenschaft somit ein Instrumentarium heraus, das die gedankliche und wahrnehmende Beobachterposition stärkt.

Die Bildung zur Freiheit ist eine Vermittlung von Kompetenzen, die es ermöglichen die kulturellen Hintergründe von Religionen kritisch zu beleuchten, Kontexte zu vergleichen sowie weder eine noch keine religiöse Sozialisation vorauszusetzen. Ein religionswissenschaftlicher Bildungsstandard ist folglich ein Aspekt für eine laizistische Bildungspolitik, da diese die Spaltung in konfessionelle Unterrichtsfächer überwinden und einen auf Allgemeinbildung bezogenen didaktischen Schwerpunkt realisieren möchte. Das Wissen und die Reflexionsfähigkeit über Religionen und Weltanschauungen als kulturelle Konstellationen ist entscheidend und befähigt zur kritischen wie distanzierten Kommunikation über religiöse Symbolsysteme.

Religionswissenschaft ist ein Bündnispartner, wenn es um Schulen als staatlich-neutrale Institutionen geht, die keine Verstrickung der Interessen von Religionsgemeinschaften inhaltlicher oder personeller Art zum Gegenstand haben sollten. Theologische Konzepte haben gerade als mehrkonfessionelle Ansätze die Schwierigkeit weder eine Lehrkontinuität zu ermöglichen noch ein vermittelbares Format zu begünstigen, insofern überhaupt die Kompetenzen empirisch-inhaltlicher Ausrichtungen zu klären sind. Gerade die Reform der Lehrpläne in Baden-Württemberg, die eine Veränderung der klassischen, geschlossenen Pläne zu Bildungsstandards und Befähigungskategorien zur Folge hat, erfordert hier eine Betonung der Kompetenz vor Transzendenz.

Praktisch gesehen können religionswissenschaftliche Ansätze die soziale Freiheit fördern und Fähigkeiten für eine globalisierte Gesellschaft vermitteln.

Hier gilt es die strukturelle und personelle Benachteiligung eines Faches zu überwinden, das mit zirka 15 Professuren im Vergleich zu 117 Professuren der theologischen Disziplinen das Nachsehen hat. Der deutsche Wissenschaftsrat hat in einer Empfehlung  schon 2010 einen Ausbau der vergleichenden und kulturwissenschaftlichen Disziplin gefordert.  Bis heute ist jedoch kaum ein nennenswerter Fortschritt erreicht, wenn auch die Religionswissenschaft sich spätestens seit ihrer Jahrestagung 2011 in Heidelberg im „Aufwind“ zu verstehen gibt.

http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/9678-10.pdf

http://www.zegk.uni-heidelberg.de/religionswissenschaft/dvrw2011/

Offene Fragen wie die Lehrerausbildung an möglichen religionswissenschaftlichen Zentren, die Frage nach dem Einstieg in ein solches Unterrichtsfach und pädagogische Ansätze sind bleibende Herausforderungen. Emling sieht hier schon ab der fünften Klasse Möglichkeiten Kinder für andere Religionen und Kulturen zu sensibiliseren und durch enge Zusammenarbeit mit Pädagogen auch schlüssige Lerninhalte sowie Lehrbücher entwickeln zu können. Modellversuche in Zusammenarbeit mit Schulen und engagierten Rektoren könnten hier wichtige Erfahrungswerte beisteuern.

Für eine laizistische Bildungspolitik ist die Religionswissenschaft neben der philosophischen Ethik und der Soziologie eine wichtige Bezugswissenschaft, wenn die Priviligierung, Separierung und Missionierung konfessionellen Religionsunterrichtes auf Staatskosten nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann.

Advertisements