Besuch einer humanistischen Schule in Fürth

Am Freitag den 5. Oktober habe ich mich mit den Säkularen Humanisten Rhein-Neckar auf den Weg nach Fürth gemacht. Die Idee eine humanistische Schule zu besuchen hatten sie uns bei unserem AK-Treffen zum Ethikunterricht vorgestellt.

Nach knapp zwei Stunden fahrt kamen wir in Fürth an und hatten zunächst kleine Schwierigkeiten das Schulgebäude zu finden. Mitten in einer Großbaustelle der Konversionsflächen war der provisorische Bau in schönem Blau: Die humanistische Schule. Träger ist der Humanistische Verband Deutschlands, Regionalgruppe Bayern.
Ich nehme das jetzt mal vorweg: Ich war sehr beeindruckt von der Schule und würde mir mehr solcher Schulen wünschen, vor allem hier im Rhein-Neckar-Raum.
Wir haben zunächst mit der Schulleiterin ein Gespräch im Lehrerzimmer geführt. Sie erzählte uns von dem langen Kampf durch zwei gerichtliche Instanzen, der ca. 4 Jahre lang geführt werden musste, um die Schule überhaupt führen zu können. Selbst als man sich mit der Landesregierung über ein Modell und ein Schulplan geeinigt hatte, wurden weitere Steine in den Weg gelegt. Vielen Menschen ist die „Atheisten-Schule“ eben suspekt.  Wir haben ganz viel über den Aufbau und das System der Schule erfahren, aber auch über die Schwierigkeiten mit denen sie immernoch zu kämpfen haben.
Im Grunde wurde die Schule  als eine Weltanschauungsschule zugelassen, so dass sie im System mit dem religiösen Bekenntnisschulen gleichgestellt ist. Allerdings haben sie die Ausnahme durchfechten können, dass sie auch Kinder aufnehmen können, von denen nicht beide Elternteile Humanisten sind.  Ich hatte zunächst erwartet, dass die Kinder dann in der Weltanschauung der Giordano Bruno Stiftung erzogen werden, dies wurde aber im weiteren Gespräch und im anschließenden Rundgang durch die Einrichtungen revidiert.

Das Humanistische an der humanistischen Schule ist, dass die Kinder zu möglichst mündigen und reflektieren Individuen erzogen werden, die in der Lage sind selbständig zu lernen und ihrer eigenen Lernerfolge zu beurteilen.

Das pädagogische Konzept kommt komplett ohne Frontalunterricht, einen klassischen Stundenplan und sogar die strikten Klassenverbänden aus. Die Kinder sind zwar schon nach Altersgruppen aufgeteilt, dabei lernen aber die jüngeren beiden Gruppen zusammen und die beiden Gruppen der Älteren haben ihre eigenen Räume.

Die Gruppen werden dann von einer Lehrkraft und einer/em SozialpädagogIn betreut, die Kinder entscheiden aber selbstständig an welchen Aufgaben sie arbeiten möchten. Dies kann in Gruppenarbeit, Partnerarbeit, alleine oder sogar in einem abgetrennten Bereich für die einfachere Konzentration passieren. Wenn die Kinder die Pflichtaufgaben nach dem Wochenplan erfüllt haben, können sie sich die Aufgaben aus dem Zusatzangebot aussuchen. Sobald ein paar Kinder ihre Aufgaben in einem Bereich fertig haben, werden sie in einer kleinen Gruppe von der Lehrkraft mit Input versorgt und können sich dann den neuen Aufgaben widmen.
Den Kindern wird geholfen eigene Lernstrategien und ein Zeitmanagement zu entwickeln. Es scheint an dieser Schule sehr gut zu funktionieren und den Kindern, die eben wie mündige Individuen behandelt werden, scheint dieses Konzept zu helfen eine hohe Lernmotivation zu entwickeln.

Allein das Fach Humanistische Lebenskunde wird gemeinsam unterrichtet. Dabei handelt es sich im Grunde um ein Philosophieren mit Kindern. In diesem Rahmen werden unterschiedliche Aspekte des Lebens, des Menschseins und des Miteinanders mit den Kindern, die im Kreis auf Kissen sitzen, diskutiert. Wer aber genug von der Diskussion hat, der kann dann auch ein bisschen Luft ablassen und eine Runde Fußball spielen gehen.

Von den Erzählungen der Schulleiterin und dem was man an Material in den Klassenräumen und den Flurwänden sehen konnte, habe ich den Eindruck, dass diese Kinder wirklich sehr reflektiert und sozial kompetent sind, weil ihnen das selbständige Denken von klein auf ermöglicht wird. Hier findet keine stromlinienförmige Erziehung statt, sondern wirklich Bildung.

Erfrischend ist eben auch, dass die Kinder nicht zwangsweise zu Atheisten erzogen werden. Es sind auch Kinder aus Familien mit religiösem Hintergrund an der Schule und man versucht ihnen nicht die Weltsicht der Eltern abzutrainieren. Es geht nur darum über die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt nachzudenken und die Kinder zu Neugierde im Lernen und Erkunden der Welt zu motivieren. Ich glaube das klappt.
Wie gesagt, würde ich mir sehr wünschen, dass solche Schulen, nun ja, Schule machen. Vielleicht schaffen es die Säkularen Humanisten auch hier in der Region eine solche Schule zu etablieren. Wir waren uns aber einig, dass es zunächst sinnvoller wäre mit einer Kita und dann einem Kindergarten anzufangen.

Das Konzept dieser Schule und das Fach der Humanistischen Lebenskunde leisten meines Erachtens das, was wir von einem kompetenten Ethik Unterricht oder einem Religionskunde-Unterricht, wie wir es im AK diskutiert haben, erwarten. Davon können wir uns eine Scheibe abschneiden und sie dann versuchen in die Bildungspolitik hineinzutragen.

Gerne kann ich auch noch mehr erzählen bei Rückfragen, es war ein sehr spannender Besuch.
Mariana

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