Unser Plan: Der Weg zur kulturwissenschaftlichen Religionskunde in Baden-Württemberg

Der AK LaizistInnen hat einen detaillierten Plan ausgearbeitet und verabschiedet, wie an den Schulen in Baden-Württemberg die Einführung einer flächendeckenden kulturwissenschaftlichen Religionskunde aussehen könnte. Der Plan fließt nun unmittelbar in den politischen Prozess der regionalen SPD und deutschlandweit in die Arbeit der sozialdemokratischen LaizistInnen ein. Mittelfristig soll dabei der veraltete konfessionelle Religionsunterricht ersetzt werden.

 

Forderungen

  1. Das Bildungsministerium wird dazu aufgefordert, in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsministerium binnen eines Jahres eine Fachtagung „kulturwissenschaftliche Religionskunde“ zu initiieren. In  Zusammenarbeit mit pädagogischen Fachleuten, VertreterInnen kulturwissenschaftlicher Bezugswissenschaften sowie gesellschaftlichen Bezugsgruppen – neben den Religionsgemeinschaften  insbesondere auch säkularen, humanistischen und laizistischen Gruppen – sollen Erfahrungen aus anderen Bundesländern ausgetauscht sowie eine Grundsatzerklärung erstellt werden, welche die entscheidenden Prinzipien eines solchen Lehrfaches festhält.
  2. Auf der Grundlage des informativen Austausches der Fachtagung sowie der Grundsatzerklärung soll eine Arbeitsgruppe unter dem gleichnamigen Arbeitstitel eingerichtet werden, die als interministerielle Fachgruppe die Einrichtung eines solchen Faches überprüft und vorbereitet, den Kontakt zwischen und zu den Bezugswissenschaften aufrecht erhält sowie ein fachdidaktische Konzept erarbeitet. Gleichzeitig wird ein Entwurf für einen Erweiterungsstudiengang „Religion und Kultur“ des Lehramtsstudiums entworfen. Eine Ausweitung der Zusammenarbeit, zum Beispiel mit dem Integrationsministerium, ist  erwünscht.
  3. Die Ergebnisse derArbeitsgruppe werden auf einer Konferenz mit VertreterInnen der Regierungsparteien besprochen, der interessierten Öffentlichkeit präsentiert und ein Leitantrag für einen Gesetzesentwurf zur Einführung einer kulturwissenschaftlichen, integrativen Religionskunde für Baden-Württemberg erstellt.

Begründung

In einer demokratischen, rechtsstaatlichen, freiheitlichen und vor allem pluralistischen Gesellschaft, in welcher verschiedene Religionen und Weltanschauungen zu einem vielfältigen Angebot an Wert- und Weltbildern, einem breiten Horizont an identitätsstiftenden wie sinngebenden Symbolsystemen beitragen, braucht es eine kulturwissenschaftliche Allgemeinbildung über dieselben.

Die Schlüsselherausforderungen moderner Gesellschaften hinsichtlich komplexer Lebenswelten, der Probleme um natürliche Ressourcen sowie technische und soziale Innovationen werden durch Pluralisierungstendenzen inter- wie transkultureller Art der Gesellschaften selbst sowie deren globaler Vernetzung in verschiedenen Bereichen wie Wirtschaft, Recht, Politik und Kultur(en) bestimmt. Sie verlangen sowohl nach einem Wissen wie Verstehen als auch einem Können hinsichtlich kultureller Kompetenz gegenüber Religionen und Weltanschauungen.

Nicht allein die Potenziale von friedlichem Zusammenleben sowie gewaltsamer Provokationen multi- und transkultureller Gesellschaften, die oft im Spannungsfeld verschiedener Kommunikations-, Symbol- und Deutungshintergründe genutzt werden, verweisen auf einen nötigen Lehr- wie Lernprozess der übergreifenden Meinungsbildung und Verständigung. Vielmehr sind es auch die Beobachtungen, dass Kooperation wie Konkurrenz verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und Akteure in Politik und Gesellschaft ein kulturelles, übergreifendes Wissen und deren Umsetzung für den mündigen, handlungsfähigen sowie kritischen Menschen voraussetzen.

Konfessionelle und interreligiöse Modelle eines „religiösen Unterrichtes“, wozu auch eine normative Staatsbürgerkunde hinzugezählt werden soll, sind inhaltlich an religiöse Traditionen gebunden oder strukturell an bestimmte Religionsgemeinschaften gekoppelt. Diese Modelle genügen den Anforderungen moderner Gesellschaften nur noch unzureichend, können nur noch als komplementäre oder dem Einzelnen frei zu wählende Angebote angesehen werden, da sie inhaltlich oder organisatorisch normative Prämisse voraussetzen, die weder einem Wertepluralismus als Vermittlung kultureller Kompetenz noch einem kulturellen Wissen hinsichtlich Inter- wie Transkulturalität Rechnung tragen können.

Modelle eines staatlichen Ethikunterrichtes oder eines philosophischen Ethikunterrichtes sind inhaltlich wie thematisch innerhalb einer kulturwissenschaftlichen Religionskunde in Form der Bezugswissenschaften Philosophie und Ethik zu berücksichtigen, dürfen jedoch nicht Strukturvorgabe sein. Philosophische Begründungsmuster sind selbst historische wie kulturelle Überlieferungen und nicht einfach Sachinhalte. Der Anspruch einer identitätsstiftenden sowie gezielten Werteerziehung ist ein Bildungsidealismus, der sowohl die pragmatischen Möglichkeiten schulischer Bildung als auch die Steuerung und Vorgabe normativer Verhaltens- wie Orientierungsmuster überschätzt.

Ziele einer kulturwissenschaftlichen orientierten Religionskunde sind es 1) primär eine kulturelle Kompetenz hinsichtlich der kritischen Reflexion und Argumentation, eines kulturellen Wissens von Religionen, Weltanschauungen und Kulturen zu ermöglichen. Die geschichtlichen, sozialen und systematischen Hintergründe von Religionen sowie Kulturen sollen „kundig gemacht“ und für das „Kundig machen“ erschlossen werden. 2) Sekundär wird somit der mündige und kritische Mensch befähigt in sozialen wie interkulturellen Situationen, seiner eigenen Lebensführung sowie möglicher Entscheidungsorientierung Position zu beziehen.

Eine kulturwissenschaftliche Religionskunde versteht sich deshalb als übergreifende Allgemeinbildung hinsichtlich religiöser und kultureller Symbolsysteme, von Inhalten und Strukturen, damit die „Hilfe zur Selbsthilfe“ gemäß eines sozialen Bildungsauftrages gewährleitet wird. Statt einer Trennung nach religiösen Zugehörigkeiten befördert ein religionskundlicher Unterricht die Integration und Toleranz gegenüber und zwischen anderen Religionen wie Kulturen.

Damit bescheidet sich die Forderung nach einer kulturwissenschaftlichen, integrativen Religions- und Kulturkunde gegenüber den Versuchen der (Re)Konstruktion normativer und homogenisierender Kulturstaatlichkeit ebenso wie den Ansprüchen einer idealistischen Staats- oder Wertebürgerkunde.

In den Grenzen seiner Möglichkeiten fördert Religionskundeunterricht das Zusammenleben der Kulturen, wendet sich gegen Extemismus und Fundamentalismus und sorgt für eine Allgemeinbildung, ein kulturelles Wissen. Dieses Wissen ermöglicht kritische und sachliche Diskussionen über Normen, Ethik soowie Lebensorientierung junger Menschen innerhalb pluralistischer wie global vernetzter Gesellschaften.

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